Rezensionen zu „Tote Bekannte“

Um bekannte Tote geht es in Patricia Görgs beeindruckendem Prosabuch, aber sie hat vorgezogen, es „Tote Bekannte“ zu nennen, ganz so als handelte es sich bei ihren vier Protagonisten, bei Erich Honecker, Prinzessin Diana, François Mitterand und Nicolae Ceausescu um gute Bekannte, denen wir dann und wann einen Friedhofsbesuch abstatten. … Es scheint die fast zwangsläufige Allianz aus Herrschaft und Gebrechlichkeit zu sein sein, die sie an ihren Figuren beschäftigt. In vier Erzählungen, betitelt „Der Schnee“ (Honecker), „Das Grab“ (Diana), „Die Vögel“ (Mitterand) und „Der Kopf“ (Ceausescu) geht sie dem Imaginären der politischen Herrschaft nach, so wie es sich in den Verhaltensformen, den Sitten und Gebräuchen lebenslang Herrschender spiegelt. …Wir sind Zeugen von Gespenster-Zeremoniellen. …Sogar der sonst für jeden Sachzwang zu habende Helmut Schmidt fängt an zu träumen… Honecker hat sich schlafen gelegt, aber bevor er ins Bett geht, „zieht er eine Spieldose auf und hört sich stehend die ‚Internationale‘ an“. Ist das authentisch? Gut erfunden? Oder vielleicht auch geträumt? Jedenfalls dringt bei Görg durch alle Ritzen des höfischen und staatlichen Zeremoniells der Schlaf, der Todesschlaf. Das gibt ihren Geschichten einen grotesken, traumverlorenen touch, der umso stärker wirkt, als er weithin auf Tatsachen gebaut ist. Am besten kommen ihre Fähigkeiten vielleicht in der Mitterand-Geschichte zum Tragen. … Die Szenerie, ein königliches Landschloss inmitten einer vereisten Natur, gibt dem letzten Auftritt Mitterands etwas unüberbietbar Gebieterisches. … „Unter dem schmalen Schirm seiner Mütze hervor betrachtet er den Blätterfall, die kurzen Jahre.“ Das ist der Ton dieser Erzählungen, der Ton von Patricia Görgs elegischen, komischen, unheimlichen Physiognomien der Macht in Erwartung des Todes. Könnte sie nicht uns zuliebe noch ein paar Zeitgeschichten mehr schreiben? … „Tote Bekannte“ jedenfalls ist ein Buch, für das man sie nicht genug rühmen kann.
Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung, 17. Juli 2006

Wir müssen keine Angst haben, dass uns einer der historischen Romane droht, die derzeit so gute Konjunktur haben, und wir müssen auch nicht befürchten, dass Patricia Görg uns ihre Protagonisten ‚menschlich näherbringen‘ möchte. … Sie entfaltet in so lakonisch wie präzise herausgearbeiteten Details das Rituelle und das Theatralische der Macht, damit natürlich zuweilen auch die Farce und die Peinlichkeit. … Die Geschichte der Ceausescus, die immer weiter die Treppe im riesigen, nicht fertigen „Haus des Volkes“ hinaufsteigen, ist eine Geschichte des Wahns, wie sie kein Film je zeigen könnte. Das im Wortsinn theatralisch geführte Leben endet konsequenterweise im Schauprozess und in der anschließenden Hinrichtung. … Görgs Erzählungen funktionieren gerade deshalb, weil es in ihnen nicht nur um den Zirkus der Gesten geht , sondern um den Raum des Symbolischen insgesamt. Bei aller erzählerischen Distanz und Ironie ist die Meistererzählung „Die Vögel“ auch ein durchaus ergreifender Bericht vom sterbenden Monarchen acht Tage vor seinem Tod. … Man hat Patricia Görg schon bescheinigt, ihre Sprache habe „die Präzision der wahren Poesie“. In ihrem neuen Buch ist diese Präzision noch gesteigert, und dafür lassen wir gern jeden opulent geschriebenen historischen Schmöker liegen.
Jochen Schimmang, Die Welt, 18. Juni 2005

Der große Reiz dieser vier Texte besteht in der dezenten Kombination von einander oft so fremden Elementen wie Spott und Märchen, Fakten und Poesie bzw. Absurditäten. Anais Nin schrieb einmal über das Absurde: „Das Absurde ist die Reaktion des Intellekts auf Ereignisse, aber Poesie und Phantasie ist es nicht.“ Hier nun haben wir den seltenen Fall, in dem beides auf kunstvolle Weise miteinander verwoben ist.
Claudia Mair, Am Erker, Zeitschrift für Literatur, Nr. 50