Rezensionen zu „Handbuch der Erfolglosen“

Patricia Görg hatte einen Auftrag. Sie sollte über ein Jahr, das Jahr 2011, hinweg Tagebuch führen. Man kann sich einer solchen Aufgabe stellen, indem man das tut, was man als Schriftsteller immer tut. Man kann sich aber auch eine Form überlegen, in der das eigene Schreibtemperament sozusagen auf das Jahr losgelassen wird (oder umgekehrt) und aus der Begegnung von beidem sich etwas Außerordentliches ergibt. So ist Patricia Görg verfahren, und herausgekommen ist das „Handbuch der Erfolglosen“, ein wunderbar leichtes, böses, witziges Manual, worin nicht nur das Jahr, das wir allzu gut kennen, sich spiegelt, sondern vielerlei Unerwartetes zur Sprache kommt. (…)
Woran wird man beim Lesen von Görgs klugen, kühnen, witzigen Geschichten erinnert? Ein bisschen an Alexander Kluges neue und neueste Geschichtensammlungen. Nur dass, kaum wagt man es auszusprechen, ihre Geschichten besser sind, weniger ausufernd, weniger verquast, sozusagen besser gescheitert. Und noch etwas fällt einem auf: Wie interessant eine Literatur ist, in der nicht, wie seit immer, „die Marquise um fünf Uhr aus dem Haus“ geht, um Valéry zu zitieren, eine Literatur also, in der nur erzählt wird, was zu erzählen notwendig ist und nicht, was die Figuren anhaben, wenn sie aus dem Haus gehen. Eine Literatur, in der so viel Raum für das Denken ist wie für das Erzählen.
Schade, dass Patricia Görgs Tagebuchjahr so schnell vorbei war.

Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung, 17. April 2012

 

Sie habe nun mal „kein Naturell für lange epische Bögen“, sagt Patricia Görg, um zu erklären, warum keines ihrer Bücher bisher die Gattungsbezeichnung Roman trug. Sie liebe eher collagenartige Strukturen, in denen die verschiedenen Textteile und Textsorten miteinander in Kontakt treten. Vielleicht liegt da der Grund, warum eine der klügsten deutschen Autorinnen trotz bester Kritiken bisher nicht die Aufmerksamkeit findet, die sie verdient hätte. Dabei ist die Lektüre ihrer Bücher keineswegs mühsam. Im Gegenteil, das Vergnügen, das sie bieten, ist erheblich. (..)

Das Journal des Jahres 2011 allein anhand der deutschen und internationalen (Medien-)Wirklichkeit zu beschreiben, wäre einfach zu platt gewesen. Patricia Görg greift weiter aus. Sie beneidet den Prof. Dr. Siegfried Bethke vom Max-Planck-Institut für Physik „um die scheinbar unkündbare Geborgenheit in seiner Materie“ und um die Fraglosigkeit seiner Fragestellungen. Ihr beißender Spott gilt den drei vermummten ETA-Vertretern, die den Waffenstillstand verkünden und offenbar glauben, „sie könnten eines schnellen Tages das autonome Baskenland auspacken wie eine Tafel Schokolade“. Sie führt uns die fruchtlose Podiumsdiskussion zwischen dem rumänischen Filmemacher Andrej Ujica und dem Medientheoretiker Friedrich Kittler vor, deren Scheitern keines Kommentars bedarf. (..) Sie führt uns aber auch in die weit entfernte Welt der Exoplaneten, die so heißen, weil sie nicht mehr zu unserem Sonnensystem gehören. (..) Dass das Scheitern keineswegs die Ausnahme sei, sondern das Normale, hatte Botho Strauß schon 1977 in seinem besten Buch „Die Widmung“ notiert. Bei aller Klarheit und Kühle des Blicks führt uns Patricia Görg das allerdings ohne Häme vor. (..) Das eigentliche Kernstück dieses hinreißenden Journals findet sich auf den Seiten 103 bis 105. Es handelt sich um eine Hommage an Olli Dittrich, vulgo Dittsche. Allein diese drei Seiten lohnen schon den Kauf des Buches. Das perlt.

Jochen Schimmang, taz, 2. Mai 2012

 

„Man muss etwas genauer hinsehen, durch das Triëdere von Patricia Görg, um aus dem feinen Textgewebe nicht etwa medienkritische Glossen, scharfzüngige Kolumnen über kalendarische Ereignisse des Jahres 2011 herauszulesen. Patricia Görg rückt den Schlagzeilen und Bildern mit dichtender Schere zu Leibe, vergrößert die Ausschnitte, belichtet und montiert das Material zu einem apokalyptischen Panoptikum. (..) Alles steht mit allem irgendwie in Verbindung. Wir lernen die Strömungen des Plastikmülls im Ozean kennen und wie uns der Plastikmüll allmählich einkreist, um wenige Seiten später die Poetik Peter Kurzecks als eine zu begreifen, die einen scheinbar uferlosen Stoff organisiert. Man kann nur hoffen, was die Autorin in ihrem Apokryph verspricht: dass weitere 52 Kalenderwochen bald wieder beladen werden.“

Sasan Seyfi, Lesarten, 22. April 2012

„Der verführerische Charme dieser Geschichten vom Dauernden und Flüchtigen entsteht aus einer Prosa, die hochkarätige Reflexion und unprätentiöse Naivität auf fast heimtückische Weise verschränkt. Alle Versuche, dieser Sprachbezirzung zu entgehen, schlagen natürlich fehl, und so reiht sich der Leser auch in dieser Hinsicht freudig unter die ‚Erfolglosen‘ ein, denen das Buch gewidmet ist.“

Alexander Altmann, Landshuter Zeitung, 22. Sept. 2012

 

„Die Kunst der Autorin liegt nicht in der bloßen Reihung, sondern in der Montage der Einzelheiten im Detail, in der Art, wie sie sich kommentieren – und wie sie auch von Patricia Görg kommentiert werden. (..) Den Theaterintendanten Ulrich Khuon hat sie sagen hören: ‚Jeden Tag gehe ich ins Theater und arbeite weiter. Schritt für Schritt. Und eines Tages bin ich wieder weg.‘ Das Zitat gibt den Ton vor, auf den dieses Buch gestimmt ist. Es ist ein Buch über das ernüchterte Weitermachen, nicht über das Pathos eines Sisyphus, der seinen Stein immer wieder einen Hang hinauf zu rollen versucht.“

Michael Schmitt, Deutschlandfunk, 27. Juli 2012