Rezensionen zu „Glücksspagat“

Wir müssen uns Maat als einen glücklichen Menschen vorstellen. Seine Tage verbringt er im Museum, als Wärter. Seit vierzig Jahren passt er in der Abteilung „Mittelalter“ auf, dass kein vorwitziger Besucher die Nase zu nah an den Goldgrund hält und Alarm auslöst. Seine Abende gehören dem Fernsehen, genauer: der Spielshow „Glücksspagat“, in der die Kandidaten mit verbundenen Augen Haushaltsgeräte ertasten und gewinnen können. Maats Leben zerfällt in zwei Teile, die vollkommen gleichförmig verlaufen und, so fremd sie einander sind, perfekt korrespondieren. Die Kunst, die er bewacht, ist von ewiger Gültigkeit, die Spielshow, die er betrachtet, von zeitloser Gegenwart. … Patricia Görgs Erzählung lässt einen nicht los. Sie zwingt zu langsamer, sorgfältiger Lektüre, fast möchte man sagen: Betrachtung. … Abstraktes und Konkretes, Bezeichnungs und Bedeutungsebene verschränken sich zu anmutigen und erstaunlichen Konstellationen. … Wenn der Leser das Buch in den Schoß sinken lässt, dürfen wir ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Martin Ebel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2000

Die Sprache von Patricia Görg hat die Präzision der wahren Poesie; sie entfaltet sich besonders dann, wenn sie Gemälde beschreibt. … Ihre Sicht auf die Welt ist unbarmherzig genau. Für Trost ist da kein Platz, aber der Goldgrund der alten Bilder hat fünfhundert Jahre überlebt und wird, das dürfen wir annehmen, noch viele hundert Jahre leuchten.
Margrit Irgang, Süddeutsche Zeitung, 10./11./12. Juni 2000

Maat, der Unteroffizier ohne Schiff und voller Angst vor dem „Herbst- und Menschensturm“, der außerhalb der sicheren Museumsmauern herrscht, pendelt zwischen Bildern einer biblischen und materiellen Heilsgeschichte, in die er sich immer tiefer verstrickt, Fragmente beider Sphären schieben sich in seinen Träumen schließlich gänzlich übereinander. … Patricia Görgs Stillstandsprosa en miniature (ist eine) dichte Reflexion, welche die Bezeichnung „metaphysisch“ nicht als Vorwurf verstehen muss.
Regula Freuler, Der Bund, 27. Mai 2000

Ein dünnes Buch, eine hochkonzentrierte Erzählung: … Sie ist wie ein Triptychon geformt: links haben wir die Ebene mittelalterlicher Meister, rechts die Ebene der Showmaster, und in der Mitte lebt Maat, hält beide Ebenen zusammen: lebt im Glücksspagat.. Obwohl die Autorin ihre Fantasie hemmungslos ins Kraut schießen lässt, wenn sie den Fernsehirrsinn beschreibt, strahlt ihre Erzählung eine sonderbare Stille aus.
Stadtmagazin tip, 6/2000

Ihre Expeditionen in die Welt der Goldgründe sind Perlen einer poetischen Ikonographie.
Andreas Nentwich, Neue Zürcher Zeitung, 4. Mai 2000