Rezensionen zu „Glas. Eine Kunst“

(…) Die Wissenschaftsgeschichte hat in Kunckel eine faszinierende Figur des Übergangs von der alchemistischen Tradition zur experimentellen Naturforschung. (…) Nun berichtet Patricia Görg in ihrer Erzählung „Glas“ von den Schicksalen Kunckels auf der Pfaueninsel, von seinem Aschekocher, seinen Bläsern, seinem Gemengemacher, von den Besuchen des Großen Kurfürsten auf der Insel und vom Brand, der bald nach dem Tod des Förderers ein Lebenswerk vernichtete, von den Schikanen, die der Nachfolger, Friedrich III., für den Glasmacher ersann. Der historische Augenblick – das sandige, wasserreiche Kurfürstentum schickt sich an, zur preußischen Blendrakete zu werden, zu einem sonderbaren Licht im Norden – ist genau erfasst. Der Leser kann durchaus etwas lernen, vor allem aber wird er gebannt vom Zauber einer klug komponierten, bilderreichen Prosa. (…) Diese Erzählerin unterwirft sich nicht dem exotischen Reiz des Historischen, sie wanzt sich nicht ran ans Gewesene, sondern spielt mit ihm und spottet dann sanft über das Spiel. So vertraut, gleichsam natürlich, schien lange keine künstliche Welt mehr – und wie ein künstliches Paradies erscheint die Pfaueninsel hier, ein Paradies, in dem auch das Vergängliche, Schmutz und Vergeblichkeit ihren Platz haben. (…) Von der Kunst, wovon sonst, handelt diese Erzählung, von einem Gewerbe zwischen Handwerk und Spekulation, Wahrheit und Spiel. (…) Das Erzählfeuerwerk über der Pfaueninsel schärft den Beziehungssinn, entfacht die Einbildungskraft und unterhält obendrein vortrefflich. Beinahe möchte man Alchemie studieren.
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 19./20. Oktober 2013

„Der Große Kurfürst liebt Stillleben. Sie bieten ihm Zuflucht fernab der Geschichte, in der er sich oft gefangen fühlt in seinem verwundbaren Land.“ Auch Patricia Görg liebt Stillleben. Allerdings dienen sie ihr nicht dazu, vor der Geschichte Reißaus zu nehmen. Vielmehr ist das Stillleben eins der bevorzugten literarischen Mittel, mit denen diese Vivisekteurin in ihren Büchern der Vergangenheit, und der Gegenwart, zu Leibe rückt. (..) Deshalb unterlaufen ihr auch keine historischen Romane. Geschichte nimmt bei ihr vorrangig die Form der Inszenierung und des stillgestellten Bildes an. Das ist ein hochmoderner Blick, wenn man daran denkt, dass Politik heute vor allem eine Frage der passenden Rhetorik, der medialen Vermittlung und des Geschicks der Spin Doctors ist. (..) „Glas – Eine Kunst“ heißt Patricia Görgs neues Buch, wobei „Eine Kunst“ sowohl als Gattungsbezeichnung wie gleichsam als Inhaltsangabe gelesen werden kann. Denn was hier auf 116 Seiten in teils betörenden Bildern vorliegt, ist ein Lehrstück über das Verhältnis von Kunst und Macht, in diesem Fall unter den Bedingungen des Absolutismus, und es ist eine nahezu klassische Künstlernovelle. (..) „Sich für einen Stoff zu entscheiden, heißt, ihn bis ins Letzte zu kennen, ihm zu folgen bis dorthin, wo er fremd wird. Auf einmal übertrifft dieser Stoff dann die Forderungen, die ein Fürst an ihn stellen könnte, überflügelt sie, gibt sich nicht länger zufrieden damit, Wasser oder Wein zu kredenzen, sondern gelangt in die fürstliche Kunstkammer.“ Und der Große Kurfürst, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, fährt gern auf die Pfaueninsel, um seinem obersten Künstler, dem Alchemisten und Glasmacher Johannes Kunckel, bei der Arbeit zuzuschauen. (..) (Ein) Stillleben, das er eines Tages im Auftrag seiner Gattin auf die Insel bringt, um es Kunckel zeigen zu lassen, ist Willem Kalfs Stillleben mit chinesischer Terrine. Der Glasmacher ist hingerissen. (..) Aber was Kunckel in dem Bild sieht, nämlich den „haarfeinen Reflex“ des kaum noch Sichtbaren, und was die Fürstin von ihm will, nämlich das angebliche herrliche rote Glas (in Wahrheit nur der Pegelstand eines halb ausgetrunkenen Glases Rotwein), ist sehr weit voneinander entfernt. Das ließe sich fast als eine Parabel auf Görgs eigene Kunst lesen, die ihrerseits so weit wie nur denkbar vom herrschenden Neonaturalismus der neueren deutschen Literatur entfernt ist. Diese Autorin arbeitet seit ihrem Debüt an einem singulären Werk.
Jochen Schimmang, FAZ, 30. Dezember 2013