Rezensionen zu „Meer der Ruhe“

Von Rechts wegen hätte Patricia Görgs „Abenteuerbuch“ im Mare-Verlag erscheinen müssen, denn alle neun Geschichten spielen am, auf oder unter dem Meer. Es geht um Frauen am Strand und melancholische Entdecker, um den Schiffbruch ihrer Hoffnungen und Visionen; aber der eigentliche Held ist das Meer selbst in all seinen Aggregatzuständen: als Welle und Packeis, Mondkrater und leergefischter Fischgrund, als menschenleere Seelenlandschaft und Müllkippe. Das Meer ist allemal größer, älter, stärker als die Spielzeugmenschlein in ihren Nussschalen, und wenn die elementare Naturgewalt über sie hereinbricht, entstehen daraus manchmal Tragödien heroischen Scheiterns, öfter noch aber skurrile, poetisch versponnene Komödien der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. … Während die Männer noch „Hauptsache, wir bleiben seefest!“ krähen, wird ihr Ehrgeiz bereits von Wind und Wellen abgeschliffen. … Das Wechselspiel der Perspektiven, die feine Ironie und die lakonisch-zärtliche Andacht, mit der die Autorin ihre Grotesken erzählt, machen dieses „Meer der Ruhe“ zu einem Friedhof der Träume.
Martin Halter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. September 2003

Utopia, und damit die Hoffnung des Menschen auf ein Anderswo seiner selbst, ist die Strömung im Untergrund des Meeres, der Görgs ganze Neugier gilt … Träumen, forschen, erfinden, entdecken – das sind die eigentlichen Wogen, auf denen Haeckel und Co. durchs Leben segeln, umgetrieben von dem, wie es in „Leichtmatrosen“ heißt, „was zu vermuten gewesen sein könnte. Dem, was wäre, wenn. Den Annahmen ad futurum. Kombinatorik, Hoffnungen, Schleierwolken.“ … Dass das Tagesgeschäft des männlichen Heldentums von eher kläglicher Natur ist und das Gesicht des Scheiterns eine eher hässliche Fratze hat, davon handelt auch die Erzählung „Wasserstoff“. Darin begibt Görg sich nochmals auf die Spuren von Andrée, Strindberg und Fränkel, jenen „Outdoor-Phantasten anno 1897, begabt mit nichts als Mut“, die aufbrechen zur ersten Ballonfahrt mit Zielpunkt Nordpol, 1200 km entfernt. (Es) endet im Wahnsinn des Eises, in dem sich die drei mit tödlichem Ausgang verirren. „Sie haben sich verrechnet“, heißt es an einer Stelle mit jener lapidaren Nonchalance, mit der auch die Natur letztlich am längeren Hebel sitzt. „Wasserstoff“ ist überhaupt die schönste der Geschichten, weil Görg an ihrem Ende den erzählerischen Bogen zu genau jenem geweiteten Himmel öffnet, dem sich letztlich alle Erzählungen verschreiben: der kosmischen Unendlichkeit als eigentlichem Malgrund des Seins: Was bleibt? Die Aufzeichnungen der Gesichter; das Eis; die Leere; 7000 Lichtjahre weit draußen der aus Wasserstoff gebildete Adlernebel; 8000 Lichtjahre entfernt der Sanduhrnebel, dessen rotierende Gasschleier in ihrer eingeschnürten Mitte so etwas wie ein Auge haben.“
Claudia Kramatschek, Deutschlandfunk, 20. August 2003

„Abenteuerbuch“ ist nicht streng als Gattungsbezeichnung aufzufassen, eher als ein Hinweis darauf, dass den hier vorgelegten Prosastücken gewisse thematische und formale Ähnlichkeiten zukommen, ohne dass sie gleich als „Roman“ firmieren müssen. „Kliff/Bohrinsel/Leichtmatrosen/Schelf/Busen/Lot/Wasserstoff/Drift/Schwemmland“: So liest sich das Inhaltsverzeichnis, eine Assoziationskette, die sich schlüssig mit dem Obertitel „Meer der Ruhe“ zu verbinden scheint. Doch hier handelt es sich nicht um eines jener wassergefüllten irdischen Meere, sondern um eines, das wir in weiter Ferne erblicken: auf dem Mond. … Die Autorin bietet uns mit ihren stilsicheren Unmöglichkeits- und Unglücksspagaten eine hochgradig belesene Literatur – nicht nur im Literarischen, sondern auch im Naturwissenschaftlichen. Sogar ein Problem der scholastischen Kasuistik wird uns in verwandelter Form vorgeführt: mit der Frage, „wie viele Wimpertierchen auf die Spitze einer Stecknadel passen.“ – Gerahmt wird die Kette dieser Prosastücke durch das Bild eines Vogelschwarms, der, einer Tasche gleich, sein Inneres nach außen kehrt. Es ist, als ob wir als Leser in diese ‚Blase der Wahrnehmung‘ hineingestoßen würden.
Rainer G. Schmidt, Saarländischer Rundfunk, 31. Mai 2003

Es beginnt mit einer Frau, es endet mit einer Frau, dazwischen stürzen sich abenteuernde Männer in die Elemente Wasser und Luft, schwimmen und fliegen, philosophieren am Meeresgrund, stechen im Waschpulverkarton auf dem Flurläufer in See. … Görg hat eine eindrucksvolle Sprachkraft, eine gezügelte, streng poetische Kraft, mit der sie das Meer beobachtet, seine für den Menschen gefährliche Energie und ewige Gleichgültigkeit. Sie recherchiert sorgsam, worüber sie schreibt, wir lernen beim Lesen ihrer Texte, die Ozeanographie wird zur Poesie.
Viola Roggenkamp, Die Welt, 21. Mai 2003

Das tödliche Abenteuer der Polarforscher Strindberg, Andrée und Fränkel wird aus der Perspektive einer Kamera beobachtet, die Innen und Außen gleichermaßen aufzeichnet – die Angst in der Arktis, den Tanz auf der Eisscholle zu Königs Geburtstag und den Tod an „Mutlosigkeit und Trichinen“; die drei Atlantissucher dagegen sind ein unverwüstliches Trüppchen, dessen aberwitzige Dialoge über Funk in die Erzählung geraten sind. Vollends surreal sind das Setting der Mondreise oder die Bootsfahrt mit Haeckel, die unter Wasser in dessen Jenaer Domizil zwischen den Gipsköpfen von Goethe und Darwin endet.
Dorothea Dieckmann, Neue Zürcher Zeitung, 10. April 2003

Eine Welt voller Rätsel, und dies ganz buchstäblich, tut sich auf in Patricia Görgs Erzählungsband „Meer der Ruhe“. … Die Abenteuer, die sich in diesem Buch abspielen, sind weniger die der Helden, als die des Lesens. Immer werden scheinbar mindestens zwei oder drei Geschichten gleichzeitig erzählt, kunstvoll ineinander verflochten, mit surrealen Überblendungen, die den Leser zum Entdecker werden lassen. Wie das geheimnisvolle U-Boot „Nautilus“ in der Erzählung „Schelf“ unter das Eismeer taucht, von seltsamen schemenhaften Figuren und Erscheinungen umgeben in einer Welt der absoluten Abgeschiedenheit und Stille – so navigiert man sich auch durch diesen Band, der viele Geheimnisse und Entdeckungen bereithält und sie immer wieder in verführerischem Glanz andeutet. … Anders als in den klassischen Abenteuersagen gibt es aber bei Patricia Görg niemals eindeutige Helden, die sich in düsterer Bestimmung abarbeiten am Streben nach Ruhm – nein, Hoffnung und Verzweiflung, Sehnsucht und Vergeblichkeit sind nur zwei Seiten ein und desselben allzu menschlichen Temperaments: der Melancholie.
Carsten Probst, NDR Kultur, 14. Mai 2003

Dass der Berlin Verlag trotz Buchkrise und Bestseller-Konzentration eine Autorin wie Patricia Görg verlegt, ist hoch zu loben. … Ohne sperrig zu sein, verschließen sich ihre Texte doch dem leichten Konsum. Sie verlangen Konzentration … und nebenbei gelingen Görg überaus komische Sätze: „Ringsum kehrt die Armada des Schönen Feierabends in die Vorgärten zurück, unter jedem Arm eine Aktenmappe mit der ausgelesenen Morgenzeitung darin: Wirtschaft, Politik, Sport, Vermischtes.“
Frankfurter Neue Presse, 8. Mai 2003