Rezensionen zu „Meier mit Y“

Patricia Görg, in ihren Büchern wie „Tote Bekannte“ auf poetische Wirklichkeitsverdichtungen spezialisiert, führt in zwölf malerischen Monatsbildern vor, wie sich die Habsucht wie ein Stachel nach innen richtet und die Wahrnehmungen des Geizigen immer bedrohlicher einschränkt … Zwar empfindet Meyer den Billighaarschnitt hinter der polnischen Grenze oder den generalstabsmäßig geplanten Kauf eines Fernsehsessels zum erfeilschten Spottpreis als ekstatische Triumphe, doch die Einsamkeit dieses weitverbreiteten Zwangscharakters erschüttert von Monat zu Monat mehr. … So unterschiedliche Dinge wie Poesie und Warnhinweise verdichten sich in diesem ungewöhnlichen Buch zu einem hochaktuellen Sittenbild.
Katrin Hillgruber, Frankfurter Rundschau, 18. März 2008

Geiz ist gar nicht geil, kann aber sehr komisch sein, zumindest in der Literatur. … In einem Buch unserer Gegenwart sieht man einen Knauser weit über die Grenze fahren, um günstig zu tanken, beobachtet ihn bei der Reparatur seiner Zahnbürste. … Was macht solche Alltäglichkeiten zu einer reizvollen Lektüre? Es ist nicht allein die Komik, sondern die überraschende, vielgestaltige Sprache
der Autorin.
Sandra Kerschbaumer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Februar 2008

Patricia Görg hat ein tragikomisches, lakonisches und immer wieder poetisch aufleuchtendes Buch über den großen Lebensvermeider Meyer geschrieben. Mit dieser Erzählung versteht man wieder, warum der Geiz unter die sieben Todsünden gezählt wird.
Frank Meyer, Deutschlandradio Kultur, 13. Februar 2008

„Meier mit Y“, ein personalisiertes Sittenbild des Geizes, ist Notwehr mit literarischen Mitteln. Die Autorin modelliert ihre Figur als Paradox auf zwei Beinen. Um die gefürchtete Verausgabung, die gehasste Verschwendung finanziell, emotional und physisch zu vermeiden, betreibt der wohlhabende Witwer Meyer einen gehörigen Aufwand. … Was er im Alltag sorgsam von sich fern hält, jegliche Form des Unreglementierten, kann Meyer nicht permanent verbannen. Traumähnlich erfährt er den Kontrollverlust, wenn ihm das titelgebende Y abhanden kommt. Dann turnt ein aus der Fassung gebrachter Meier dem unternehmungslustigen Buchstaben hinterher. Diese anarchischen, grotesk ausgestalteten Passagen bergen einigen romantischen Trost.
Sven Schulte, Die Berliner Literaturkritik, 3. Juni 2008

Was die Zeit hervorbringt, das interessiert Görg stets brennend. Auch dies war wohl ein Argument, sie für „Meier mit Y“ im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Alfred-Döblin-Preises zu setzen. Der Preis ging letztlich nicht an sie, auch wenn ihre Sprache und ihre Bildwelten von allen Kandidaten am ehesten dem „Döblinismus“ verwandt zu sein schienen. Görgs Texte leben davon, dass Konkretes auf Fantastisches prallt wie im „Abenteuerbuch“ „Meer der Ruhe“ (2005). Sie spielen mit der Spannung zwischen präziser Beobachtung des Einzelnen in Politik und Gesellschaft und dem entfesselten Tanz der Metaphern, die sich in den „Zeitgeschichten“ „Tote Bekannte“ (2007) um Honecker, die Queen und Ceausescu drehen und gerade in der grotesken Überdrehung reale Züge der Zeitgeschichte und der sie prägenden Persönlichkeiten bestürzend evident werden lasse. Auch Meyer wird von Görg in diese Zange genommen … (Sie) zeigt dabei, dass sie auf dem literarischen Eis die Königin der Pirouetten ist. Denn so wild ihre Drehungen anmuten, sind sie doch Ergebnis eiserner Disziplin, sind Form und Inhalt exakt aufeinander abgestimmt… Dieses Erzählen ist nicht ausgelassen, sondern setzt wohldurchdachte, oft malizöse, dann wieder überraschend anrührende Blicke auf die Figur Meyer und die sie gebärende Gesellschaft an- und ineinander.
Insa Wilke, Die Zeit, 21. August 2008

Patricia Görg zeichnete, noch bevor die aktuelle Krise ausbrach, ein drastisches Bild von ihren Auswirkungen. Über den Protagonisten, einen allein lebenden Witwer, schreibt sie: „Er geht am Ufer entlang, den Kopf gefüllt mit Verlusten. Meyer ist Kleinaktionär. Ihn bedrücken seine Anteile am allgemeinen Niedergang. Dass alles einbricht, der Kurs nach unten. (..) Als die große Spekulationsblase platzte, hat er etwas abbekommen. Stühle, Tische, Betten und Häuser flogen immerhin durch die Luft, allesamt auf Crashkurs.“ Die Schäden, die die Finanzkrise den Körpern und Seelen zufügt, werden hier indessen nur am Rande berührt; im Mittelpunkt stehen die Ängste und Zwangshandlungen, wie sie heute von der ganz ’normalen‘ Ökonomie hervorgerufen werden.„Generalisierte Angst“ lautet die Diagnose, die aus dem Getuschel im Nebenzimmer zu Meyer dringt. Hauptsymptom seines Leidens ist das Gefühl, ausgeplündert, geschädigt, betrogen – „dauerbetrogen“ – zu werden: „Alle greifen nach seiner Zukunft, dieser sorgsam um die Beine geschlungenen Finanzdecke mit Karomuster, die er schon so lange im Gebrauch hat, dass sie allmählich armselig wirkt.“
Judith Klein, Das Argument, 6, 2008

Görg stellt ihrem Buch ein Motto von Dante voran; keinen Zweifel lässt sie daran, dass dieser Geizhals sich sein eisiges Inferno in den Endlosgängen des Billigmarkts schon zu Lebzeiten selbst bereitet.
Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 18. Juli 2008

Natur dringt ein in Meyers Schnäppchenparadies und die ist vielgestaltig und an Wundern reich. Vögel und Fische, Insekten und Pflanzen, das Radarsystem der Fledermäuse und das schwerelose Dasein der Mauersegler, die nur die Luft zu brauchen scheinen, keinen festen Grund – all das summiert sich unter der Hand zu einer Art Antigeizprogramm. Erfährt fast so ausführliche Beschreibung wie die Jagd nach dem jeweils aktuellen Sonderposten und wird – das ist die heimliche Botschaft von Görgs poetischem Buch – zum Glück auch dann noch existieren, wenn der finale Ausverkauf längst stattgefunden hat.
Dietmar Jacobsen, Poetenladen, 28. Juni 2008

Im Laufe der Lektüre wird dem Leser bewusst, dass auch Meyers Herz seit langem so etwas wie ‚Ladenschluss‘ hat. Dass hinter der Schnäppchenjägerei eine ganz andere Sehnsucht steckt. … Skurril und tragisch, psychologisch und poetisch. Ein Roman über einen traurigen Geizhals auf der Suche nach dem Glück.
Marcela Drumm, WDR, 15. Januar 2008

Preisbewusste Slogans wie „Teuer hat hier Hausverbot“ würde Herr Meyer bedenkenlos unterschreiben. Wenn, ja, wenn nicht jede Unterschrift unweigerlich zur Abnutzung des Stiftes führen würde. … Geglückt ist (Patricia Görg) eine Geiz-Groteske von Graden.
Die Welt, 24. Mai 2008