Auszüge aus der Laudatio von Wilfried F. Schoeller

anlässlich der Verleihung des Schubart-Literaturförderpreises
an Patricia Görg für ihr „Handbuch der Erfolglosen“
am 24.3.2012 in Aalen

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Erfolglosigkeit ist hier nicht nur mit einzelnen Figuren verbunden, sondern auch ein Rayon an sich, in den die Tentakel der Neugier hineintasten.
In ihren Worten: „Gleichmut ist aber vor allem vonnöten für jene Erfolglosigkeit, für jene sanfte, lebensimmanente Form des Scheiterns, die jedem widerfährt, und sei er noch so weit gekommen. Sie ist das eigentliche Wissensgebiet, das wir durchqueren.“ Noch ist bei Patricia Görg die alte Frage des Diaristen lebendig, was man als Einzelner wissen und versammeln kann, und auch dieses Manual ist eine Erkundungsprobe auf die unendliche Enzyklopädie der Gegenwart.
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Man könnte sagen: die Moral dieser Diaristin ist die Wachsamkeit, die szenische Neugier, die exakte Beobachtung. Da gibt es keine Befindlichkeitssauce, kein Tremolo der Betroffenheit, keine Wonnen der Selbstbeschau. Görg kommt ohne solche Ichgefühle aus. Ihr Ich ist ihr Auge, ihre Kunst besteht in ihrer Ausstattung mit einer Art Facettenblick.
Ihre Exkursionen und Fallgeschichten, die die Kalenderwochen-Notate umringen, sind am besten, wenn sie etwas von der Theatralik des Lebens preisgeben können. Bei dieser Prosaistin kann man studieren, wie ungemein szenisch die Wirklichkeit ist. In vielen Tagebüchern jagen einander die Katastrophen, bei ihr liegt der Nachdruck auf den Bildern, die sie hinterlassen: die realen und die vorgestellten, da gibt es keinen Unterschied.
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Ihre Spottlust durchdringt den kalendarischen Ernstfall. Bestechend komisch etwa die anderthalb Seiten „Der Schwerbelastungskörper“, eingeleitet mit der Devise: „Oftmals geht Geschichte schief. Dann hinterlässt sie Elefantenfüße.“ Es geht ausschließlich um ein gigantisches Relikt: einen Betonbrocken in einer Kleingartenkolonie, der die Belastungsfähigkeit des märkischen Bodens für Hitlers Reichshauptstadt Germania nach dem Endsieg testen sollte. So etwas muß man erst mal auffinden – oder erfinden, gleichviel.
Zwischen Absonderlichkeiten und der Forschung über die Entstehung der Materie strahlt diskret die Ironie; diese Autorin stöbert, welch ein Vergnügen an Leichtigkeit, auch in den Abwegen des Kalenders und im grotesken Hintersinn des Geschehens.
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Eine schöne Gelegenheit hat uns dieses Buch zugetragen. Solche kleinen Wunder gibt es auch in unserem so durchsichtig erscheinenden Literaturbetrieb. Patricia Görg erhielt das Stipendium eines Hamburger Stifters, das sie zur Abfassung eines Tagebuchs verpflichtete. Eine Auftragsarbeit also, doch eine so passende Verpflichtung, daß man behaupten könnte: Patricia Görg hat sich dieses Jahr nicht ausgesucht, die zwölf Monate haben sich diese Autorin gewählt, damit sie ihre Tatsachenphantasie und ihren sprühenden Witz an den Zeitläuften, an ihren Haupt- und Staatsaktionen, an ihren Eckenstehern und ihren Nischenfiguren erprobe.
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